DLF Kultur 20201217 Trans

 

Von W. Klosterhalfen transkribierte Auszüge aus der Sendung des DLF Kultur vom 17.12.2020: „Mindestens 87% Erfolg? Die Evidenz ganzheitlicher Methoden in der Kinderpsychosomatik (A. Himmelrath und T. Grampes)“

In diesem Bericht über die absurde Neurodermitis-„Behandlung“ in der Kinderklinik Gelsenkirchen kommen die Journalisten, die Klinik, zwei Mütter und zwei Ärzte zu Wort.

 

13 Sprecher: „Ein Blick in die Behandlungsunterlagen von Fritz Wagner mit zwei Wissenschaftlern und Ärzten, die als Experten auf ihrem Gebiet gelten. Einer von ihnen ist Professor Thomas Bieber, Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Universitätsklinikum Bonn. Verzweifelte Eltern mit neurodermitiskranken Kindern, sagt er, hätten oft die Hoffnung, dass in der Klinik gewissermaßen ein Schalter umgelegt werde, damit das Leiden der Kinder und der Familien endlich ein Ende hat.“

Prof. Thomals Bieber: „Und diese Erwartungshaltung wird da bedient von diesen Kollegen in Gelsenkirchen, indem sie das - für mich sehr vereinfacht - darstellen und sagen: ´Sie sind dran schuld, Ihr Kind ist dran schuld, ihr Kind ist n Terrorist, er terrorisiert Sie, und deswegen müssen Sie jetzt mehr Abstand von Ihrem Kind nehmen. Das löst das Problem. Entschuldigen Sie, aber das ist blanker Schwachsinn, was hier propagiert wird. Wissenschaftlich ist das völliger, blanke Schwachsinn, ich muss das einfach sagen.“

14 Sprecher: „Professor Kai von Klitzing ist Direktor der Klinik und Poliklinik für   Psychiatrie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Leipzig. Er sagt zur Trennungsangst mit Blick auf den 6 Monate alten Säugling Fritz Wagner:“

Prof. Kai von Klitzing: „Wenn ein Säugling mit sechs, sieben Monaten Trennungsangst hat, dann sag man, das ist ein normales Phänomen. Und dann kann man das doch nicht als Zeichen von einer Krankheit ansehen.“

Sprecher: Und die Diagnose „Neurodermitis bei Trennungsangst“?

Prof. Kai von Klitzing „Die ist unwissenschaftlich und völlig unhaltbar, die suggeriert ja noch ein Schuldgefühl an die Eltern, dass sie da irgendein Trennungstrauma herbeigeführt haben. Also das finde ich vollkommen unseriös.“

15 Sprecher: „Kann ein Trennungstrauma oder andere psychische Belastungen Krankheiten wie Neurodermitis auslösen? Der Dermatologe Professor Thomas Bieber bezweifelt das.“

16 Prof. Thomas Bieber: „Es gibt null wissenschaftlichen Nachweis, dass das ganz am Anfang ist und alles andere, die Immunologie, die Barrierestörung, die genetisch bedingt ist, als Folge dieser psychologischen Störung sein sollte. Es ist völlig absurd, was hier in den Raum gestellt wird. Und dann folglich auch dieser Ansatz zu versuchen, darauf aufbauend das Problem zu lösen, das heißt durch einen wie auch immer gearteten psychologischen, psychosomatischen Ansatz - so wie es zum Beispiel in Gelsenkirchen gemacht wird - Heilungsversprechen zu machen, das finde ich, muss ich sagen, das ist Scharlatanerie, um das mal auf den Punkt zu bringen.“

22 Mutter von Fritz: „Meiner Meinung nach … ist das dort eine Sekte. So richtig wird man, wenn man Zweifel hat, nicht für voll genommen. Wenn man Zweifel hat, dann wird einem gleich gesagt, naja, wenden Sie sich an einen Psychologen. Die Zweifel werden recht schnell erdrückt und man wird recht schnell runtergedrückt. Und wenn man sich dagegen lehnt, dann folgt irgendwann der Ausschluss, für mein Empfinden.“

 

25 Sprecherin: „Awa bleibt in der Klinik durchweg auffällig, sagt Klara Hollenstein. Über den Entlassungsbericht schüttelt sie heute den Kopf.“

 

Sprecherin: „Der klinische Verlauf war äußerst zufriedenstellend. Die bestehende schwere Trennungsproblematik konnte bereits deutlich gebessert werden.“

 

Mutter von Awa: „Das war definitiv nicht so. Ich kann mich auch an das     Entlassungswochenende erinnern. Wir sind da zu den Großeltern dann von meiner Tochter gefahren, die da in der Nähe wohnten. Und es war ganz schrecklich. Sie war so wahnsinnig wütend und hat so viel gebrüllt und ich dachte: Ich war doch jetzt nicht acht Wochen in dieser Wahnsinnsklinik, um am ersten Wochenende direkt alles fallen zu lassen und aufzugeben. Ja, es war so unglaublich frustrierend nach dieser langen Zeit dieses erste Wochenende zu erleben und zu sehen: Sie kann sich vielleicht die Brote selbst in den Mund stecken, aber es hat sich überhaupt gar nichts verändert von ihrem aggressiven Verhalten, wirklich gar nichts.“

 

Sprecher: „Auch in den eigenen vier Wänden ändert sich nichts, trotz des Autogenen Trainings, sagt sie, das Ernst August Stemmann allen Eltern empfohlen habe.“

 

Mutter von Awa: „Ja, dann haben wir vielleicht noch zwei Wochen, ich erinnere mich daran, wir haben uns morgens, keine Ahnung, immer morgen um Fünf oder halb Sechs den Wecker gestellt, weil wir gelernt haben, dass wir ohne Autogenes Training keine guten Eltern sind, und jeden Morgen, bevor wir unserer Tochter begegnen, die zu dieser Uhrzeit schon brüllend in ihrem Bett saß, erst ne halbe Stunde Autogenes Training machen müssen, um dann mit dieser Haltung unserem Kind gegenüber zu treten. Und das haben wir anfangs tatsächlich gemeinsam auch gemacht und immer mit der Stimme von Professor Stemmann im Ohr. Wir haben das über eine CD gehört.  Um auch unsere Tochter weiterhin die Nächte lang durchschreien zu lassen   Das hält keine Familie auch nur eine Woche aus, wenn ein Kind jede Nacht laut durchbrüllt. Das geht gar nicht.“

 

28 Sprecher: „Kinder- und Jugendpsychiater Kai von Klitzing unterstreicht, wie wichtig es ist, sich jeden Fall einzeln anzuschauen. Wie wichtig es ist zu differenzieren. Er kennt aus seiner Praxis auch viele neurodermitiskranke Kinder und ihre Eltern.“

 

Prof. Kai von Klitzing: „Jeder Behandlungsplan muss immer entwicklungssensitiv sein. Dann guck ich mir genau an, wie diese Störungen aussehen, wo sie entstehen, wie sie sich entfalten, und dann mach ich n spezifischen Behandlungsplan, um diese Interaktion zu verbessern. Dazu kann durchaus auch mal eine Trennung sinnvoll sein, also zum Beispiel, wenn die Mutter seit Wochen nachts nicht mehr geschlafen hat, weil das Kind so viel schreit, was es ja oft bei der Neurodermitis gibt. Ich würde aber niemals rigide Trennungsvorgänge da inszenieren, egal wie viel das Kind schreit. Ich meine, das ist schwarze Psychologie oder schwarze Pädagogik. Das erinnert mich an die Zeiten der 50er und 60er Jahre, wo, wenn ein Kind in die Kinderklinik kam, von den Eltern getrennt wurde und einmal in der Woche durch ne Fensterscheibe die Eltern sehen durfte. Da hat man auch gesagt, ja die Kinder werden dann ja ruhiger. Aber wissen Sie was? Die haben dann Depressionen entwickelt. Und da gibt´s so viel Evidenz.“

 

29 Sprecher: Sandra Wagner besuchte nach dem Klinikaufenthalt in Gelsenkirchen mit ihrem Säugling eine weitere Klinik, um seine Neurodermitis behandeln zu lassen. Diese Klinik stellte diverse Allergien fest, die als Ursache für die Neurodermitis in Frage kommen. Ein Allergietest blieb in Gelsenkirchen laut Behandlungsunterlagen offensichtlich aus. Fritz ist heute vier. Sandra Wagner sagt, es geht ihm gut. Seine Neurodermitis ist verschwunden. Die Schließung der Psychosomatik-Abteilung der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen löse in ihr, so schreibt Sandra Wagner, eine unfassbare Freude und Erleichterung aus.

Wie Sandra Wagner ist auch Klara Hollenstein aufgewühlt, als der Dokumentarfilm „Elternschule“ in die Kinos kommt. Vieles kommt wieder hoch.   Sie denkt daran, wie schnell sie mit der Klinik abgeschlossen hat.“

 

30 Mutter von Awa: „Ich war total schockiert, was damals wirklich möglich gewesen ist, was ich zugelassen habe undwas ich ausgehalten habe und was ich meiner Tochter zugemutet habe. Das ist ein sehr, sehr erschreckendes Bild, was sich da wieder so in mir aufgetan hat.“