Wolfgang Klosterhalfen
Reimbibel
Heitere Aufklärung über das
„Buch der Bücher“
BoD, Oktober 2011, 324 S.,
19.90 €
Das
folgende Interview erschien in der Online-Zeitung www.nrhz.de am 1.9.2009
Auslöser war der Besuch von Benedikt
XVI. in Auschwitz-Birkenau
Interview
mit dem Autor der „Reimbibel“
Von Peter Kleinert
Peter Kleinert: Sie sind, wie man dem Cover Ihres Buches entnehmen kann,
kein Dichter oder Kabarettist, sondern Medizin-Psychologe, und ich vermute mal,
Sie sind 1945 nach Ihrer Geburt auch getauft worden. Haben Sie jemals an Gott
geglaubt?
Wolfgang Klosterhalfen: Ich bin sogar konfirmiert worden und habe damals meinem
Pfarrer, den ich sehr mochte, jedes Wort geglaubt. Allerdings erinnere ich mich
noch gut daran, dass ich beim sogenannten Abendmahl sehr enttäuscht war, als
ich merkte, dass sich psychisch rein gar nichts in mir ereignete. Nach all der
Vorbereitung auf diesen Augenblick hatte ich wohl so etwas wie einen frommen
Schauder erwartet. Diese Ent-Täuschung beim rituellen Kannibalismus war
anscheinend der Anfang vom Ende meines Glaubens. Meine Eltern waren nach zwei
Weltkriegen schon weitgehend vom Glauben abgefallen und hatten sich als
Besitzer einer Apotheke nur sozial angepasst. Sie haben - von einer rigiden Sexualmoral
abgesehen - ansonsten keinen religiösen Druck auf mich ausgeübt. Nach der
Konfirmation bin ich kaum noch zu sogenannten Gottesdiensten gegangen und habe
mich - wie so viele andere auch - sehr für das Diesseits aber wenig für
religiösen Hokuspokus (hoc est corpus) interessiert.
Peter Kleinert: Es gibt ja in der katholischen Kirche nicht nur Leute wie
den aktuellen Papst und seine Vorgänger, von denen einige sogar den Faschisten
an die Macht geholfen haben, sondern auch solche wie Abbé Pierre, ein weltweit
bekannter französischer Priester, der in der Résistance jüdischen Flüchtlingen
half und die Wohltätigkeitsorganisation “Emmaus“ gründete. Die sahen und sehen
in der Bibel auch „die Heilige Schrift“, ähnlich wie die gläubigen Muslime den
Koran einschätzen. Was hat Sie dazu gebracht, die Bibel so intensiv zu lesen
und auseinanderzunehmen?
Wolfgang Klosterhalfen: Weder Theismus noch der sogenannte Atheismus (der ja
keine ausgearbeitete Ideologie darstellt) schließen soziales Engagement aus.
Leider auch nicht Mobbing, Ausbeutung, Krieg und Gräueltaten. Gläubige sind oft
der Auffassung, ihr prosoziales Verhalten komme aus ihrem Glauben. Ich vermute,
dass die Ursachen tiefer liegen und deshalb auch unabhängig vom jeweiligen
Glauben oder Unglauben das Verhalten bestimmen. Beispielsweise hat der Vater
von Abbé Pierre nicht nur vorgebetet, sondern seinem Sohn auch humanes
Verhalten vorgelebt. Und nicht zuletzt haben auch Empathie und Altruismus eine
genetische Basis.
Wichtiger als was Menschen glauben oder nicht glauben ist mir, wie sie sich im
Allgemeinen sowie in schwierigen Situationen konkret gegenüber Mensch und Tier
verhalten.
Vor drei Jahren hatte ich noch nicht die geringste Ahnung davon, dass ich mal
eine Reimbibel schreiben würde. Es sind verschiedene Faktoren zusammengekommen:
weiter fortschreitende Säkularisierung, der 11. September und eine
Vorlesungsreihe von Robert Gernhardt an der Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf, der Ende 2005 seine Zuhörerschaft mit vielen Beispielen und theoretischen
Erörterungen für gereimte Gedichte begeisterte.
Der entscheidende Auslöser war aber, dass der Vorsitzende eines kapitalstarken,
weltweit agierenden Kirchenkonzerns mit etwa einer Milliarde Kunden, der vom
deutschen Staat jährlich mit einigen Milliarden Euro subventioniert wird, im
Mai 2006 in Auschwitz-Birkenau behauptet hat, „eine Schar von Verbrechern“ habe
das deutsche Volk „gebraucht und mißbraucht“. Diese skandalöse
„Entnazifizierung“ von Volk und Kirche und der verlogene Slogan „deus caritas est“
haben zu „Josephs Legenden“, meinem ersten antiklerikalen Gedicht geführt, das
im Laufe der Zeit immer länger wurde.
In diesem Zusammenhang fing ich an, die Bibel zu lesen und war entsetzt über
deren grauenvolle Inhalte und über die Diskrepanz zwischen dem was dort steht
und dem was von Berufschristen gepredigt wird.
Von den Deutschen ab 16 Jahren lesen nur vier Prozent häufig in der Bibel.
Ich möchte daher mit meiner Reimbibel dazu beitragen, dass mehr Menschen zur
Kenntnis nehmen, was tatsächlich in der Bibel steht, und wie umfangreich und
gut begründet die Kritik an Bibel, christlichem Glauben und Kirche ist.
Peter Kleinert: Wie schätzen Sie denn "Jesu Bergpredigt" ein, mit
der Sie sich ja ab Seite 209 befassen? Egal ob dieser Text von einem Messias
stammt oder nicht, er wird ja von vielen, auch Ungläubigen, als ein Werk
angesehen, das ein friedliches Miteinander propagiert - einige exegetische
Ansätze sehen in ihr gar Ideen, die den Sozialismus längst vorwegnehmen.
Wolfgang Klosterhalfen: Abgesehen davon, dass man mit Appellen in der Regel
wenig erreicht, sind die meisten Aussagen Jesu kaum geeignet, das menschliche
Zusammenleben zu verbessern. Beispiele: Die Armen und Verfolgten werden auf das
Jenseits vertröstet. Wie schön für Verbrecher aller Arten, denen man laut Jesus
die andere Wange hinhalten, die man sogar lieben soll! Da haben die Juden im
Warschauer Ghetto wohl was falsch gemacht. Finanzielle Bitten anderer sollen
erfüllt werden. Sehr praktisch! „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz
und die Propheten aufzuheben.“ Aha, das AT soll weiter gelten! „Jeder, der
seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein.“ Klingt nicht
nach Nächstenliebe! Wer zu seinem Bruder sagt: „Du (gottloser) Narr!, soll dem
Feuer der Hölle verfallen sein.“ Strafe muss sein! Ehebrecher ist bereits, wer
eine Frau lüstern ansieht. Treue im Verhalten reicht nicht, man soll vollkommen
sein wie Gott! Man soll beten: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Ein
merkwürdiger Gott, der das tut! Man soll sich nicht um Nahrung, Wasser und
Kleidung sorgen. So ein Blödsinn! Leere Versprechungen: man wird finden,
empfangen, eingelassen werden. Nur wenige werden das Tor zum Leben finden. Sehr
tröstlich! „Jeder Baum, der keine guten Früchte hervorbringt, wird umgehauen
und ins Feuer geworfen.“ Wer viele Ketzer auf einmal verbrennt spart Holz!
Ceterum censeo: Christen sollten vorm Verwesen mal die ganze Bibel lesen! Und
sich eher an Mahatma Gandhi orientieren.
Peter Kleinert: Gab es unter den “Reimbibeln“ Ihrer Vorgänger eigentlich
auch so kritische und gleichzeitig vergnüglich zu lesende Werke wie Ihres?
Wolfgang Klosterhalfen: Am bekanntesten ist die Mittelfränkische Reimbibel, die
etwa im Jahr 1150 erschien. Von ihr existieren aber nur noch Fragmente. Damals
war es natürlich nicht möglich, sich über die Bibel und die Kirche lustig zu
machen, ohne anschließend drakonisch bestraft zu werden. Nach dem Mittelalter
sind wohl keine Reimbibeln mehr erschienen. Die Theologen werden wissen, warum
sie nur noch ausgewählte Fabeln verreimt haben.
Peter Kleinert: Was stört Sie besonders am heutigen Christentum?
Wolfgang Klosterhalfen:
- Die religiöse Gehirnwäsche (mit Drohungen, Versprechungen, ständigen
Wiederholungen von Behauptungen) bei wehrlosen Kindern und bei Jugendlichen
durch Autoritäts- und Vertrauenspersonen.
- Die damit verbundene Gewöhnung, nicht bewiesene und nicht nachprüfbare
Behauptungen als Wahrheiten zu akzeptieren. Religion ist die Mutter aller
Esoterik.
- Die gerade in letzter Zeit in vielen Variationen geäußerte unverschämte
Behauptung, Ungläubige seien moralisch minderwertig: z.B. „Moral braucht Gott“,
„Der Humanismus, der Gott ausschließt, ist ein unmenschlicher Humanismus.“
(Enzyklika „Caritas et Veritate“, 29.7.2009)
- Die Verlogenheit der Kirchen im Umgang mit der Bibel.
- Vortäuschen von Frömmigkeit; Kontrolle des Arbeitsmarkts im sozialen Bereich;
Etikettenschwindel bei kirchlichen Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern,
Caritas, Diakonie und Misereor, die nur zu einem geringen Teil aus Kirchensteuern
finanziert werden.
- Der Klerus traktiert fast 2000 Jahre nach Erfindung des Christentums und
trotz europäischer Aufklärung immer noch die Menschheit mit einem besonders
widerwärtigen elaborierten Wahnsystem. Berechtigte Kritik wird wegtheologisiert.
- Studierte „Ebenbilder Gottes“ vermitteln weniger versierten „Ebenbildern
Gottes“ gegen erhebliche Gebühren Logenplätze im Himmel.
- Kindern und Jugendlichen wird in den meisten Ländern dieser Erde - zum Teil
auch noch in Deutschland - mit der Hölle gedroht.
- Last not least: Die äußerst umfangreiche, äußerst fürchterliche und
weitgehend von den Kirchen, Schulen und Medien totgeschwiegene
„Kriminalgeschichte des Christentums“, wie Karlheinz Deschner ja auch sein
inzwischen neun Bände umfassendes Werk genannt hat. Beispielsweise habe ich zum
70. Jahrestag des Überfalls auf Polen (1.9.1939) noch kein kirchenkritisches
Wort vernommen. Auch nicht in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL, dessen
Titelgeschichte dem 2. Weltkrieg gewidmet ist.
Peter Kleinert: Warum haben Sie Ihr Buch eigentlich nicht in einem
“richtigen“ Verlag herausgeben lassen, sondern bei Books on Demand? Hat sich da
kein Verleger rangetraut? Oder haben Sie es gar nicht erst versucht?
Wolfgang Klosterhalfen: Ein kleiner kirchenkritischer Verlag hat vor längerer
Zeit auf der Basis meiner Rohfassung der Bücher Mose abgelehnt; der
Blessing-Verlag, der den „Gotteswahn“ von Dawkins herausgebracht hat, hat mir
nicht geantwortet. Da ich weder prominent bin noch einschlägige Beziehungen
habe, werde ich nicht weiter antichambrieren, sondern abwarten und Tee trinken.
BoD hat für mich den großen Vorteil, dass ich jederzeit mein Buch überarbeiten
kann. Eine neue „Auflage“ benötigt ca. zwei Wochen und kostet mich nur 39 Euro.
Angesichts der Macht der Kirchen über den größten Teil der Medien würde ich es
keinem Verlag verübeln, wenn er sich nicht traute, antiklerikale Schriften ins
Programm aufzunehmen. Für kleine Verlage könnte das evtl. tödlich sein. BoD hat
wegen seiner Verdienste um die Meinungsfreiheit, um die es (auch) in
Deutschland nicht gut bestellt ist, noch viele Preise verdient.
Peter Kleinert: Kirchenkritiker wie der ehemalige Katholik Karlheinz
Deschner, den Sie gelegentlich in Ihrem Buch zitieren, sind für ihre Haltung
von der Kirche massiv aber ohne Erfolg unter Druck gesetzt worden. Haben Sie
inzwischen auch schon solche Erfahrungen gemacht?
Wolfgang Klosterhalfen: Nein. Es wäre auch unklug von den Kirchen, mich
anzugreifen, bevor mein Buch überhaupt einigermaßen bekannt geworden ist. Aber
ich werde mal zur heiligen Zensursula beten, dass sie etwas gegen mein Buch
unternimmt. Ihr Ministerium hat sich ja schon um das Ferkelbuch verdient
gemacht.
Herrn Deschner bewundere ich natürlich. Da man ihm argumentativ so gut wie
nichts entgegen zu setzen hat, wird er - wie mir mein entsprechender
Google-Alert anzeigt - in den Medien fast völlig totgeschwiegen.
Peter Kleinert: Als Sie Ihr Buch schrieben, welche Zielgruppe hatten Sie
dabei im Auge, und wie sind deren Reaktionen?
Zunächst habe ich einfach drauflos geschrieben. Und seine Leserschaft kann man
sich ja sowieso kaum aussuchen. Besonders interessiert bin ich natürlich an
Jugendlichen.
Möglicherweise werden die aber meine Reime für „uncool“ halten. Ich gebe mich
jedoch der Hoffnung hin, dass es unter den Religionslehrer/inne/n viele
vernünftige Menschen gibt, die gegenüber Bibel- und Kirchenkritik
aufgeschlossen sind oder die zumindest erkennen, dass man die Reimbibel gut im
Unterricht einsetzen kann. Ein Schüler könnte z.B. meine Hiob-Ballade
oder die „Offenbarung des Johannes“ vortragen, und dann diskutieren alle
auf der Basis des gerade Gehörten, was sich der „liebe“ Gott da wohl gedacht
hat. Zwei Freunde von mir haben kürzlich zwei Religionslehrern sowie einem
prominenten Katholiken meine Bibel geschenkt. Auf deren Reaktionen bin ich sehr
gespannt.
Bis jetzt habe ich nur Rückmeldung von etwa zwanzig antiklerikal eingestellten
Leser/inne/n. Alle sind begeistert. Besonders gefreut habe ich mich über die
ersten beiden Kritiken bei Amazon.
Da ich die meisten Bibelgeschichten einfach nur nacherzähle, sollte die
Reimbibel auch für Christ/inn/en interessant sein. Denen ist die „echte“ Bibel
ja meist so heilig, dass sie sie nicht anfassen. Meine etwas andere Bibel kann
ich jedem Christen empfehlen. Sie ist nämlich besser editiert und liest sich
leichter als das „Original“. Und wer wissen möchte, was Ungläubige am
Christentum auszusetzen haben, erfährt auch viel. (PK)
Wolfgang Klosterhalfen hat in Tübingen, Düsseldorf, Nijmegen und Honolulu
Psychologie studiert. 1971 Diplom, 1977 Promotion zum Dr. rer. nat., 1986
Habilitation für das Fach Medizinische Psychologie, 1992 Außerplanmäßiger
Professor. Zahlreiche Veröffentlichungen in englischsprachigen
Fachzeitschriften zu Lerntheorien und zur psychosomatischen
Grundlagenforschung, besonders zur „Psychoimmunologie“. Seit 1968 der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als Student, dann als Angestellter und
später als Apl. Professor verbunden, musste Klosterhalfen 1991 zur Städtischen
Kinderklinik Gelsenkirchen wechseln, weil seine Stelle an der HHU zeitlich
befristet war.
Ab April 2004 arbeitslos, ist Klosterhalfen seit Ende 2006 Frührentner. Nach
kritischen Internetpublikationen über die "Germanische Neue Medizin“ und
seinen Klinikchef widmet sich Klosterhalfen seit etwa drei Jahren der Bibel-
und Kirchenkritik.
Prof. Klosterhalfen war mit der Diplom-Psychologin Dr. Sibylle Klosterhalfen
verheiratet und hat aus dieser Ehe einen Sohn, der sich als Vizepräsident der
„Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt“ erfolgreich für eine
Verbesserung der Haltungsbedingungen von „Nutztieren“ einsetzt (http://albert-schweitzer-stiftung.de/).